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Das Wetter: Hans Helmut Schmitt vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach im Interview

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Satelliten, Ballons, Schiffe, Flugzeuge sowie zahllose Wetterstationen – die Datenbasis für die Vorhersage ist enorm gewachsen. Daraus entstehen hochkomplexe Wettermodelle, die von Hochleistungsrechnern ausgewertet werden. Davon profitiert auch die Landwirtschaft. Hans Helmut Schmitt vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach weiß mehr.

Am Sachverhalt hat sich nichts geändert. Auch heute noch verursachen die Einflüsse des Wetters größere Unterschiede in der Ernte als alle anderen kulturtechnischen Maßnahmen zusammen, einschließlich der Bodenqualität. Und nun kommt der „Klimawandel“ mit seinen Veränderungen und macht das Ganze noch schwieriger!

Das Wichtigste ist immer noch die möglichst exakte Erfassung der Ausgangssituation. Diese Aufgabe übernehmen weltweit zunehmend Wetterautomaten. Derzeit gibt es rund 11.000 Landstationen und knapp 1.000 Wasserbojen, die stündlich das Wetter aufzeichnen und die Daten in die weltweiten Datennetze einspeisen. Hinzu kommen Meldungen von Schiffen und Flugzeugen. Eine immer größer werdende Bedeutung gewinnen Satellitenaufnahmen. Das Schöne am Datenaustausch ist: Hier gibt es keine politischen Grenzen, Wetter ist grenzüberschreitend. Insofern ist jeder von jedem abhängig und die internationale Zusammenarbeit funktioniert.

Mit den Ausgangsdaten berechnen Großrechner die weitere Entwicklung. Es gibt unzählige Wettermodelle, die sich im physikalischen Grundprinzip zwar stark ähneln, oft aber auf die Region des jeweiligen Entwicklerlandes abgestimmt und optimiert sind. In einem Modell wird ein dreidimensionales Gitter über die Erdoberfläche und in bis zu 90 Schichten bis in eine Höhe von 75 km der Atmosphäre gelegt, und für jeden Gitterpunkt wird in kleinen Zeitschritten die weitere Entwicklung vorausberechnet. Das ist extrem rechenintensiv. Der Rechner des Deutschen Wetterdienstes zum Beispiel verbraucht so viel Strom, dass pro Monat Kosten von etwa einer Million Euro anfallen.

Weil die Ausgangslage nie exakt erfasst werden kann, wachsen sich kleine Fehler schnell zu großen aus: kleine Ursache – große Wirkung. Die Grenze für akzeptable Vorhersagen liegt in Mitteleuropa – jahreszeitenabhängig und auch regional leicht unterschiedlich – im Schnitt bei etwa zehn Tagen. Alles, was darüber hinausgeht, ist mehr oder weniger Statistik. Es gibt zwar mittlerweile auch Vier-Wochen- oder Jahreszeitenvorhersagen. Doch die geben wir aus gutem Grund nicht an die breite Öffentlichkeit. Sie spiegeln eher einen Trend auf Basis von Wahrscheinlichkeiten wider, konkrete Vorhersagen sind das aber nicht.

Wir beobachten eine generelle Erwärmung, wobei die stärkste Erwärmung im Winter registriert wird. Auffällig sind auch die Zunahme von Extrem-Wetterlagen wie Starkregen oder Stürme. Zudem fällt auf, dass sich in den letzten Jahren manche Wetterlagen länger halten, was lange Nässe- oder auch lange Trockenperioden nach sich zieht.

Zunächst einmal ziehen mildere Winter einen früheren Start in die Vegetationsperiode nach sich. Vergleicht man den mittleren Beginn der Pflanzenentwicklung in den letzten knapp 60 Jahren, hier zum Beispiel die Blüte der Haselnuss, setzt diese im Zeitraum 1991–2017 zweieinhalb Wochen früher ein als noch im Vergleichszeitraum 1961–1990. Dieser Vorsprung hält sich übers Jahr. Da aber der Einstieg in die winterliche Vegetationsruhe (festgemacht am Blattfall der Stieleiche) kaum verändert ist, bedeutet das eine um rund 17 Tage verlängerte Vegetationsperiode. Damit eröffnen sich vielfältige Chancen bei Sortenauswahl und Kulturen. Mittlerweile reifen in Deutschland Kulturpflanzen, die bislang eher im mediterranen Bereich ihre Heimat hatten. Augenfällig ist das im Weinbau, wo in den klassischen Weinbaugebieten immer mehr Rebsorten in Deutschland gepflanzt werden, die ursprünglich aus Frankreich stammen. Gleichzeitig werden Weinreben – anerkanntermaßen eine wärmebedürftige Kultur – zunehmend auch in nördlichen Regionen angepflanzt. Auf Sylt gibt es einen Weinberg, in Südengland wächst mittlerweile ein durchaus passabler Wein.

Ein großes Problem des frühen Starts in die Vegetationsentwicklung ist, dass die Gefährdung durch Spätfröste eher steigt. Wenn z.B. die Obstbäume früher blühen, befinden sie sich bei einem – auch im Zeitalter des Klimawandels nie ganz auszuschließenden – Frost Mitte April in einem sehr empfindlichen Stadium. Das letzte Jahr mit seinen teilweise verheerenden Frostschäden ist sicherlich noch nachhaltig in Erinnerung.

Gegen die frühe Entwicklung kann man zunächst wenig machen. Wie sich aber gerade im letzten Jahr gezeigt hat, kann eine Investition in Frostschutzanlagen sehr sinnvoll sein. So gab es im Obstbaugebiet „Altes Land“ rund um Hamburg kaum Frostschäden, weil dort seit Jahren im großen Stil Frostschutzberegnung praktiziert wird. Im Grunde ist die frühere und längere Entwicklung aber ein Vorteil, wenn man die richtigen Kulturen anbaut beziehungsweise auf die richtigen Sorten setzt. In Gegenden mit einer frühen Getreideernte kann es dann sogar mit Zwischenfrüchten eine zweite Ernte geben – ein Phänomen, das bis dato eher aus den Tropen bekannt ist.

Abgesehen von den weiterhin zu befürchtenden Wetterextremen sehen wir ein Problem im zunehmenden Wasserbedarf. Generell nimmt die Jahresniederschlagsmenge zwar leicht zu. Diese Zunahme fällt aber überwiegend in den Winter, während die Frühjahre trockener werden. Im Sommer und Herbst beobachten wir große Streuungen von Jahr zu Jahr, manchmal sogar innerhalb der Vegetationsperiode. Insgesamt bleibt die Regenmenge in der warmen Jahreszeit zwar weitgehend unverändert, aber der Anteil an Schauer- und Gewitterniederschlägen (im Fachjargon nennen wir das „konvektive Ereignisse“) nimmt zu. Diese Starkregenfälle finden sich zwar in den Regenmessern und damit auch in der Niederschlagsstatistik. Den Pflanzen kommen sie aber nur zum Teil zugute, vieles fließt oberflächlich ab und führt sogar zu Erosionsschäden. Durch den früheren Start in die Vegetationsperiode und die wärmeren Sommer steigt aber der Verdunstungsanspruch der Pflanzen. Es gilt also, das im Winter fallende Niederschlagswasser zu speichern und den Pflanzen möglichst lange verfügbar zu halten.

Im Grunde sind wir heute ja schon auf diesem Weg - ich hatte das Beispiel Wein gebracht. Dass es einmal Ananas aus Bayern geben wird, wie es die „BayWa Saatpost“ nach dem heißen Sommer 2003 als Aufmacher hatte, halte ich zwar für unwahrscheinlich. Aber der Trend geht eindeutig in die Richtung hin zu wärmeliebenden Kulturen. Dann müssen wir aber auch die Probleme lösen, die die Mittelmeerländer in zunehmendem Maße haben. Sprich: Wir müssen für eine ausreichende Wasserversorgung sorgen. Wer einmal die allzuhäufig nur knapp gefüllten Wasserspeicher in dieser Ländern gesehen hat, weiß, was auf den Mittelmeerraum zukommt - und zeitversetzt möglicherweise auch auf uns!

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Hans Helmut Schmitt
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Landstationen und knapp 1.000 Wasserbojen zeichnen stündlich das Wetter auf und speisen diese in die weltweiten Datennetze ein.

Zur Person

Nach seiner Ausbildung zum Wetterberater war Hans Helmut Schmitt von 1978 bis 2014 an der Außenstelle Geisenheim/Rheingau des Deutschen Wetterdienstes tätig. Sein Schwerpunkt lag auf der agrarmeteorologische Beratung insbesondere für den Obst- und Weinbau. Parallel dazu nahm er von 1992 bis 2013 einen Lehrauftrag an der Hochschule Geisenheim zu den Themenbereichen Agrarmeteorologie, agrarmeteorologische Messtechnik und Klimatologie wahr. Seit 2014 ist Hans Helmut Schmitt in der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach und leitet dort das Sachgebiet Beratung.