Perspektiven
Im Gespräch
Stuhl Grüner Wohnsitz

Grüner Wohnsitz

Prof. Werner Lang von der Technischen Universität München spricht über Energieeffizienz und setzt sich dafür ein, dass wertvolle Baustoffe beim Rückbau von Gebäuden wiederverwendet werden können.

Ein fundamentales Umdenken bezüglich des Einsatzes von Ressourcen, also Energie, Material und Wasser, ist zwingend erforderlich. Vor diesem Hintergrund hat der Verein für Bauforschung und Berufsbildung des Bayerischen Bauindustrieverbands zusammen mit der Technischen Universität München vor über sechs Jahren den Stiftungslehrstuhl eingerichtet, den ich leite. Der Lehrstuhl ist ein „joint appointment“ zwischen der Fakultät für Architektur und der Ingenieurfakultät Bau Geo Umwelt, auch das ein Hinweis, dass klimaneutrales Bauen eine interdisziplinäre Aufgabe ist.

Trotz der vor uns liegenden gewaltigen Aufgaben muss man sagen: Wir haben in den letzten 30 bis 40 Jahren schon viel erreicht. In den 1970er-Jahren gebaute Häuser benötigten 250 bis 300 Kilowattstunden/m2 pro Jahr an Energie, heute bauen wir Passivhäuser mit Wärmerückgewinnung, hochwertiger Wärmeschutz-Verglasung etc., die 25 Kilowattstunden/m2 pro Jahr an Energiebedarf haben. Generell aktiviert man das Einsparpotenzial am wirksamsten durch eine Kombination von energieeffizienter Gebäudehülle, einer energieeffizienten Bodenplatte und intelligenter Gebäudetechnik.

Das sind Stand heute leider weniger als 10 Prozent. Aber nach 2020 wird es nur noch Neubauten geben, die mindestens Passivhaus-Standard haben beziehungsweise mehr Energie produzieren als verbrauchen.

Dass hier immer noch zu wenig passiert, liegt weniger an der Technologie als an soziologischen Gegebenheiten. Es leben in diesen Beständen naturgemäß viele ältere Mieter, die sich an einer umfassenden energetischen Ertüchtigung nicht beteiligen wollen oder können. Es gibt aber auch Eigentümer, deren finanzielle Mittel begrenzt sind oder die andere Prioritäten setzen.
Wir haben in den Altbeständen in Deutschland derzeit eine Sanierungsrate von etwa 0,8 Prozent. Wir benötigen aber mindestens 2,0 Prozent, um die Klimaschutz-Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens zu erfüllen. Dieses ist ja mittlerweile auch von Bundestag und Bundesrat ratifiziert.

Im Prinzip ja. Aber die Viertel sind strukturell sehr unterschiedlich. Nicht überall können Sie kostenmäßige Skalierungseffekte oder Sanierungs-Kooperationen der Eigentümer erzielen. Nehmen Sie zum Beispiel München: An vielen Ecken von Ramersdorf haben wir dieselben Fassaden, Fenster- und Türformate, da funktioniert die Kostenskalierung. In der Maxvorstadt haben wir diese Homogenität kaum. Trotzdem: Quartiersanierung bringt natürlich sehr viel an Energieeffizienz, vor allem auch, wenn man die Energieversorgung mit einbezieht. Eine deutliche Effizienzsteigerung ergibt sich zum Beispiel dann, wenn ein ganzes Quartier an ein existierendes Fernwärmenetz angeschlossen, über ein neues Blockheiz-Kraftwerk versorgt oder wenn ein Nahwärmenetz errichtet wird. Hier hilft ein Energienutzungsplan, den fortschrittliche Gemeinden mittlerweile schon haben.

Eine sehr große und eine, die oft unterschlagen wird. In vielen Baustoffen ist eine Menge graue Energie enthalten – sprich Primärenergie zur Herstellung, zum Transport und zur Entsorgung des Materials. Das gehört alles zur Ökobilanz. Der Baustoff Holz enthält praktisch keine graue Energie, der Baustoff Stahlbeton dagegen sehr viel. Wenn Sie also ein Haus mit Holzfassade bauen, die Tiefgarage aber aus Stahlbeton ist, dann reduzieren Sie die gute Ökobilanz an der Oberfläche durch ein deutliches Minus im Untergrund. In der Energie-Einsparungs-Verordnung geht es nur um die Verbrauchsenergie, das ist zu kurz gesprungen. Derzeit sind etwa 10 Prozent der Baustoffe in den Gebäuden in Deutschland wiederverwendbar. Die Zielgröße, die wir erreichen müssen, sind 100 Prozent. Die Planer eines Gebäudes müssen schon die Entsorgung mitplanen – dafür steht auch Design for Disassembly. Unser Lehrstuhl ist an einem EU-Forschungsprojekt beteiligt, das sich „Building as Material Banks“ nennt. Das heißt, dass wir Gebäude als Material-Banken auffassen, deren Komponenten bei einem Abbruch ihren Wert behalten.

Die Fakultät für Bauingenieur- und Vermessungswesen bietet zusammen mit der Fakultät für Architektur einen interdisziplinären Master für energieeffizientes und nachhaltiges Bauen an. Mit dem Studiengang schaffen wir ein eigenständiges Tätigkeitsprofil, das den bisher vorhandenen Abstand zwischen den klassischen Berufsbildern Bauingenieur, Architekt und Umweltingenieur schließt und neue Berufschancen eröffnet. Neben Bachelorabsolventen aus den Fachrichtungen Architektur, Bauingenieurwesen und Umweltingenieurwesen werden auch Quereinsteiger aus anderen Fachrichtungen mit entsprechender Eignung zugelassen.
Ansonsten bieten wir eine Ringvorlesung zum, Thema „Sustainable Building and Technologies“ als Wahlveranstaltung für Bauingenieur- und Architektur-Studierende an. Aber es gibt im Bachelor-Studiengang auch Pflichtveranstaltungen zum Thema Klimagerechtes Bauen. Desgleichen thematisiert auch die Pflichtvorlesung zur Bauphysik die Energieeffizienz.

Die deutschsprachigen Länder genießen weltweit in Sachen klimaneutrales Bauen sehr große Beachtung. Der erklärte Verzicht auf Kernenergie ab 2022 in der Bundesrepublik Deutschland stellt natürlich eine besondere Herausforderung an energieeffizientes Bauen dar. Insofern ist speziell Deutschland ein Vorbild für andere Länder.
Aber neben den deutschsprachigen Ländern gibt es auch in vielen anderen europäischen Ländern und in den USA interessante Initiativen und Entwicklungen für klimaneutrales Bauen. Die Baustoffe und das schon erwähnte Design for Disassembly spielen in all diesen Entwicklungen eine große Rolle.

Ein sehr ambitioniertes Objekt ist sicher der Gewerbebau „2226“ vom Architekturbüro Baumschlager Eberle in Lustenau in Vorarlberg, Österreich. Die Zahl 2226 weist auf die gewünschte Raumtemperatur zwischen 22 und 26 Grad Celsius hin, die wir als angenehm empfinden. Das Bauvorhaben in Vorarlberg hält diese Temperaturen das ganze Jahr über – und zwar völlig ohne Heizung und kühlende Haustechnik. Sie wird erreicht allein durch die Abwärme der Menschen, Computer und der Beleuchtung im Haus sowie durch leistungsfähige Dämm- und Speicherelemente.
In Vorarlberg gibt es noch weitere interessante Objekte und Projekte. In dieser Region bilden moderne Ingenieurskunst und eine alte Zimmerei-Tradition eine ideale Symbiose für energieeffizientes Bauen.
In Deutschland ist das achtstöckige Holz-Hochhaus in Bad Aibling zu nennen, dessen Material fast ausschließlich aus einheimischen Nadelhölzern besteht. Lediglich das Treppenhaus musste aus Gründen des Brandschutzes in Beton ausgeführt werden. Die Konstruktion entstand in Zusammenarbeit mit dem Münchener Architekturbüro Schankula, regionalen Betrieben, der TU München und der Hochschule Rosenheim.
Oder das Energy Efficient Center des Zentrums für angewandte Energieforschung in Würzburg, an dem ich selbst eng beteiligt war. In dem Objekt wurden neuartige, prototypische, auch textile Baumaterialien, Bausysteme und Technologien eingesetzt, die sich allesamt für eine energieeffiziente und ressourcenschonende Bauweise nutzen lassen. Durch eine gründliche Vorplanung wurde bei diesem Projekt zudem gezeigt, wie Gesamtenergie-Kreisläufe bereits im Planungsprozess positiv gesteuert und optimiert werden können.

Ich verstehe darunter ein extrem energieeffizientes Gebäude, das intelligent auf Temperaturänderungen reagiert, um den Energieverbrauch zu reduzieren; das beispielsweise in wasserdurchströmten Böden Wärme-Energie speichert, und zwar dann besonders intensiv, wenn für die nächsten Tage deutlich tiefere Temperaturen vorhergesagt werden.

Lassen Sie mich den von Ihnen vorgegebenen Zeitraum auf 50 Jahre verkürzen. Dann leben wir in Gebäuden, bei denen sich die Gebäudehülle selber regelt, und zwar in robuster, möglichst natürlicher Weise, ohne anfällige elektronische Leittechnik. Wir haben eine intelligente Nutzung natürlicher Dämm- und Speichermaterialien, viele Sensoren, ganz klar, aber ein Gebäude, als aus elektronischer Sicht eher Low-Tech, aus bautechnischer Sicht aber High-Tech darstellt. Das vorhin erwähnte Gebäude in Lustenau ist da ein Vorbild. Dort heißt das Motto „Atmosphäre statt Maschine“.

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Prof. Werner Lang, TU München

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Werner Lang studierte Architektur an der Technischen Universität (TU) München, danach als Fulbright-Stipendiat an der University of California at Los Angeles. Nach der Promotion und einigen Praxisjahren als Architekt wurde Lang Associate Professor an der University of Texas in Austin und ist seit 2010 Professor für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen an der TU München.

Energieeffizient und wirtschaftlich

Die Kombination von ökologischen, ökonomischen und nachhaltigen Aspekten steht bei der BayWa auch im Segment Bau auf der Agenda: Ein Beispiel dafür ist die Siedlung Effizienzhaus Plus, die in der Nähe von Augsburg derzeit gebaut wird. Die Häuser dort erzeugen mehr Energie, als sie selbst verbrauchen. Das Konzept sieht eine hohe Wirtschaftlichkeit, Wohngesundheit und Energie­autarkie vor. 
Mehr Infos: www.effizienzhausplussiedlung.de

Die BayWa r.e. renewable energy GmbH schloss 2016 zudem den Bau eines Plus-Energie-Solarhauses in Tübingen ab, bei dem das Gebäude auf Basis von Photovoltaik mit Strom, Warmwasser und Heizenergie versorgt wird. Mehr Infos:

www.baywa-re.com