Perspektiven
Ernährungscoach Birgit Engert spricht über gesunde Ernährung

Rund um gesund ernährt

Ein Essenshype jagt den anderen: Clean Eating, Low Carb, Slow Food, Rohkost oder Detoxing. Wir haben Ernährungscoach und Personal Trainerin Birgit Engert gefragt, welche Ernährung der Körper wirklich braucht.

Grundsätzlich halte ich sehr wenig von diesen Trends. Gerade Low Carb wird oft als „No Carb“ missinterpretiert. Viele versuchen dann, gar keine Kohlenhydrate mehr zu essen, was schwierig ist, da es großen Einfluss auf den Stoffwechsel hat und oft nicht das Richtige ist. Clean Eating ist eine Modeerscheinung, aber nicht wirklich neu. Hier geht es darum, sich gesund und ausgewogen zu ernähren und dabei auf Fertigprodukte und Zusatzstoffe zu verzichten, die man heute überall kaufen kann wie Fruchtjoghurt, Salatfix-Soßen oder fertige Gemüsebrühe. Wie bei der Vollwerternährung kommen hier auch Getreide- und Vollkornprodukte, Gemüse und Obst ganz ohne Zusätze auf den Tisch. Diese Richtung erscheint mir am sinnvollsten. Wichtig ist vor allem das individuelle Gefühl, was gesund ist. Diesen Urinstinkt versuche ich auch meinen Kunden zu vermitteln. Es geht dabei um Fragen wie: Wann habe ich Hunger, wann bin ich satt, wann brauche ich was? Eigentlich weiß der Körper das sehr gut. Am besten ausgeprägt ist das bei Kindern, wenn sie sich in den ersten Lebensjahren langsam ans Essen herantasten, etwa an verschiedene Gemüsesorten. Meistens haben sie von Anfang an bestimmte Vorlieben. Manche mögen zum Beispiel keine Tomaten, weil sie die nicht gut vertragen. Zu diesem Gefühl müssen wir zurückfinden. Ernährungstrends bringen aber immer Regeln und Verbote mit sich, die einfach nicht zu jedem passen.

Man sollte hier keine Wunder erwarten. Chia-Samen und Co. sind allein kein Ersatz für eine gesunde Ernährung. Aber wenn man sich ohnehin schon ausgewogen ernährt, können Superfoods hier und da eine sinnvolle Ergänzung sein. Wobei es auch heimische Alternativen zu den Superfoods gibt: Was Chia-Samen können, können Leinsamen ebenso gut. Auch Blaubeeren und Johannisbeeren sind als Früchte echt super.

Wir sollten einen Schritt zurückgehen und uns wieder natürlicher ernähren. Dadurch beugt man den meisten Mangelerscheinungen schon vor und braucht dann auch gar keine Nahrungsergänzungsmittel mehr. Durch Fertigprodukte kann ein Mangel an Vitalstoffen wie Vitaminen und bestimmten Eiweißen entstehen, dem man mit frischer Nahrung aber vorbeugen kann. Daher ist Industrienahrung aus meiner Sicht grundsätzlich nicht ideal und erhöht das Risiko für Übergewicht.

Ernährungscoach Birgit Engert

Fünfmal Obst und Gemüse am Tag sind eine gute Faustregel, die ich auch immer wieder empfehle. Es klingt einfach, aber es ist ein bisschen Aufwand. Wichtig dabei: Wegen des Fruchtzuckers sind zwei Portionen Obst ausreichend und drei Portionen Gemüse zu empfehlen. Zwei Portionen davon sind roh zu genießen, eine kann man kochen. Zum Beispiel kann man vor dem Mittagessen einen kleinen Beilagensalat zubereiten, zwischendrin eine Karotte essen und eine Paprika zum Abendbrot aufschneiden. Dann hat man das eigentlich schon erledigt.

Diät ist sowieso schon einmal ein ganz schwieriges Wort, denn das heißt: Wir müssen uns an strikte Regeln halten. Das ist meist zum Scheitern verurteilt. Besser ist es, sich auf das gesunde Bauchgefühl zu verlassen. Wenn ich eine Diät mache, bekomme ich Vorgaben, was das Beste für mich ist – das kann ich aber nur selbst wissen. Jede Diät ist in der Regel so angelegt, dass sie für alle passt. Und das ist ein großer Irrtum. Wir sollten nicht vergessen, wie unterschiedlich wir alle sind. Das merkt man schon, wenn man einen kurzen Blick auf die Ernährung in verschiedenen Ländern und Kulturkreisen wirft.

Ich bin durchaus der Meinung, ja. Ich selbst habe mich früher auch anders ernährt. Wenn man zu viel vom Falschen isst, wird man müde, träge und gerät in einen Teufelskreis, der in Heißhungerattacken auf Süßes mündet. Innere Zufriedenheit stellt sich dabei nicht ein. Die kommt nur, wenn man sich zu den richtigen Zeitpunkten mit den richtigen Lebensmitteln ernährt. Die sind im Idealfall frisch und voller Vitamine. Sie spenden Energie, sodass man sich glücklicher, kraftvoller, ausgeglichener fühlt. Denn die Nahrung hat einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Das gilt auch im Negativen: Industrienahrung raubt uns Energie, statt uns neue Energie zu spenden. Ein Beispiel dafür ist der typische Klos im Magen nach einem schweren Mittagessen.

Ich mag frische Nahrungsmittel am liebsten, das bedeutet, möglichst einmal am Tag zu kochen. Außerdem verzichte auf Produkte mit Zuckerzusatz – wie Fruchtjoghurt, der bis zu 25 Gramm Zucker enthält. Damit deckt er schon die maximal empfohlene Zufuhr ab! Es ist sehr wichtig, einen regelmäßigen und individuellen Essensrhythmus zu finden und zu pflegen. Ich vermittle Kunden das Prinzip der ‚somatischen Intelligenz’. Übersetzt heißt das Körperintelligenz. Im Idealfall spürt man selbst, was der Körper braucht. Zum Beispiel wird Durst oft mit Heißhunger verwechselt. Aber hinter dem Griff zur Schokolade steckt häufig ein anderer Mangel, etwa, dass man zu wenig Proteine zu sich genommen hat. Manchmal schlagen sich auch Gemütszustände wie Traurigkeit so nieder. Man kann es aber lernen, sich wieder darauf zu besinnen, was man wirklich braucht: Vielleicht lieber ein gutes Gespräch, statt der Tafel Schokolade?

Wir kennen vier verschiedene Typen. Zwei davon verstoffwechseln Proteine gut und zwei andere können Kohlenhydrate gut verwerten. Das kombiniert sich mit der Frage, ob sie Fett gut vertragen oder nicht. Anhand der DNA lässt sich das testen. Es ist sehr aufschlussreich zu wissen, welcher Stoffwechseltyp man ist. Aber die Steinzeitjäger gibt es in dieser Zuspitzung nicht. Ich denke, der Mensch hatte mittlerweile genug Zeit, sich an Getreide anzupassen. Nicht dagegen an die stetig neu und weiterentwickelten Zusatzstoffe unserer Zeit.

Keine Angst vor Kohlenhydraten! Viele meiner Kunden haben jahrelang Low Carb praktiziert und eine tiefsitzende Angst vor Kohlenhydraten entwickelt. Sie denken, sie dürfen nicht einmal ein Stück Brot am Tag essen, ohne zuzunehmen. Natürlich geht es nicht um Massen an Weißbrot und Zucker, sondern um hochwertige Kohlenhydrate wie in Vollkornbrot, Gemüse, Hülsenfrüchten, Kartoffeln oder Reis, die jeder Mensch benötigt, wenn auch unterschiedlich viel davon. Lässt man einen der drei grundlegenden Nährstoffe Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß ganz weg, kann das für den Körper zu einer extremen Belastung werden. Die Menschen lassen sich heutzutage zu viel von Extremen leiten, die schnelle Ergebnisse versprechen, anstatt sich selbst und dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen.

Ein Traum wäre es, wenn wir wieder ein normaleres Verhältnis zum Essen entwickeln würden, anstatt uns von Extremen leiten zu lassen. Dazu gehört auch, den Alltag besser zu strukturieren und wieder normaler mit dem Essen umzugehen. Das negative Szenario sieht anders aus: Wir werden immer mehr Fertiggerichte bis hin zu Astronautennahrung konsumieren und uns dann mit Nahrungsergänzungsmitteln vollstopfen. Dadurch könnte es aber auch passieren, dass unsere Lebenserwartung von 100 wieder auf 50 Jahre schrumpft, da viele Volkskrankheiten wie Krebs oder Diabetes wieder zunehmen.


Insekten als Eiweißlieferant der Zukunft – eine Empfehlung der
Welternährungsorganisation FAO

"Die FAO-Empfehlung ist schwierig. Ich persönlich würde es nicht essen wollen. Und das Problem ist weniger das fehlende tierische Eiweiß. Unser eigentlicher Mangel besteht in zu wenig pflanzlichem Eiweiß, das in Getreide, Gemüse, Hülsenfrüchten oder in Pseudogetreide wie Quinoa oder Kartoffeln steckt. Bei einem 70 Kilo schweren Menschen reichen dann etwa 200 Gramm Hähnchenfleisch pro Tag aus – je nach dem, wie viele weitere Proteine er noch aufnimmt. Würde sich daran jeder halten, könnten wir alle mit weniger Fleisch auskommen und das wäre insgesamt viel gesünder."

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Mal Obst und Gemüse sollte man über den Tag verteilt zu sich nehmen.
„Wir sollten einen Schritt zurückgehen und uns wieder natürlicher ernähren.“
Birgit Engert
„Zufriedenheit stellt sich ein, wenn man sich zu den richtigen Zeitpunkten mit den richtigen Lebensmitteln ernährt. Die sind im Idealfall frisch und voller Vitamine.“
Birgit Engert

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„Es ist sehr wichtig, einen regelmäßigen und individuellen Essensrhythmus zu finden und zu pflegen.“
Birgit Engert

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Mehr Infos und Tipps rund um gesunde Ernährung lesen sie auf dem Blog von Ernährungsexpertin Birgit Engert.

www.happyness-muenchen.de