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Energiezukunft

„Der Rohstoff der Zukunft ist grün“

01.07.2020
 

Bis 2030 sollen 65 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Quellen kommen – dafür muss noch viel Leistung installiert werden. Vor welchen Herausforderungen der Ausbau steht und welche Lösungen die BayWa anstrebt, erfahren Sie im Interview mit Prof. Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender BayWa AG.

Herr Prof. Lutz, in Deutschland stoßen neue Windkraftanlagen häufig auf lokalen Widerstand von Bürgern nach dem Motto: Nicht in meinem Garten! Dabei ist laut Umfragen die gesellschaftliche Zustimmung für den Ausbau der Erneuerbaren hoch.
Wir erleben dieses Dilemma, das von vielen als Doppelmoral empfunden wird, leider immer öfter. Die von der großen Mehrheit der Deutschen gewollte Energiewende wird angesichts des konkreten Projektes vor Ort von einigen Mitbürgern als Bedrohung empfunden bzw. auch als Elitenprojekt von Investoren dargestellt. Dem muss so schnell wie möglich der Boden entzogen werden. Der Bürger sollte stärker in die Energiewende eingebunden werden und sich z.B. auch finanziell beteiligen können. Eine mögliche Form sind Beteiligungsmodelle. In welcher Form dies geschieht, soll möglichst nicht von staatlicher Seite vorgeschrieben werden. Die BayWa mit ihrer Beteiligung BayWa r.e. verfolgt bereits Projektansätze, mit denen wir vor Ort überzeugen. Ein Beispiel dafür ist das erfolgreiche „Crowd“-Projekt für den Windpark Hemer in Nordrhein-Westfalen. Über ein Crowdfunding konnten sich heimische Bürgerinnen und Bürger bereits mit 50 Euro daran beteiligen. Das verbindet Menschen schon weit vor dem ersten Spatenstich mit der Idee.
Unsere langjährigen wie internationalen Erfahrungen lassen sich in Deutschland sehr gut nutzen, um die Energiewende nachhaltig voranzubringen. Grundsätzlich gilt es natürlich, die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen. Sie sollten bei Planungsprozessen frühzeitig und transparent eingebunden und in geeigneter Form auch am wirtschaftlichen Erfolg der Projekte beteiligt sein.

Apropos Geld: Beim Strompreis für Endkunden ist Deutschland unter den Spitzenreitern in Europa – die energieintensive Industrie wird über Ausnahmeregelungen entlastet, um als Standort attraktiv zu bleiben. Wer soll das alles zahlen?
Die diversen Abgaben, Steuern, Umlagen und Netzentgelte machen über 70 Prozent des Haushalts-Strompreises aus, festgelegt von den jeweils zuständigen Ministerien und Kommunen. Was wir benötigen, ist ein ganzheitliches Konzept für die Zusammensetzung des Strompreises. Warum sollte man nicht, wie in Bayern vorgeschlagen, einen Staatsfond mit Bürger-Beteiligung einrichten, aus dem beispielsweise Kosten für den Netzausbau beglichen werden? Es gilt, den Preis auf einem erträglichen Niveau für Privatkunden und Wirtschaft zu halten. Kostengünstiger grüner Strom ist der neue Rohstoff der Zukunft und die Basis für eine nachhaltige Industrieproduktion in Deutschland. Schon heute liefern wir mit unseren großen Windkraft- und Solarprojekten, die ohne Fördergelder auskommen, preiswerten Strom. Für das Erreichen der Klimaziele sind innovative Techniken und auch der Ausbau von Dachanlagen unabdingbar. Hausbesitzer und Gewerbetreibende benötigen für ihre Solar-Projekte einen klaren Rahmen der den Eigenverbrauch ermöglicht und nicht mit Umlagen belegt. Zugleich muss die Finanzierung der Netze sichergestellt werden. Diese sollte Teil einer umfassenden Strompreisreform sein.

Manche Verbraucher meinen, die sichere Stromversorgung sei gefährdet, wenn der Anteil der Erneuerbaren an der Gesamtversorgung in Deutschland noch stärker steigt.
Erneuerbare Energien sind heute gut prognostizierbar und werden ins bestehende System integriert. Wir benötigen jedoch einen Ausbau der Netzinfrastruktur, der mehr Flexibilität zulässt. Es braucht Anreize, um Angebot und Nachfrage noch besser in Einklang zu bringen: damit Unternehmen etwa viel Strom abnehmen, wenn große Mengen zur Verfügung stehen und umgekehrt. Daher ist es wichtig, dass die Bundesregierung ihre Forschungsaktivitäten im Rahmen der sogenannten Kopernikus-Projekte ausbaut und die Speicherung von erneuerbarer Energie weiter untersucht. Ziel muss es sein, ein Gesamtkonzept für die optimale Integration der erneuerbaren Energien über den Stromsektor hinaus – zum Beispiel in den Kraftstoff- und Industriesektor – zu entwickeln. Flexible Tarife können zu so einem Verhalten motivieren. Bisher gestaltet sich die Erschließung neuer Flexibilitätspotenziale allerdings meist nicht wirtschaftlich – der regulierte Netzausbau steht im Vordergrund. Der Anteil von grünem Strom in unserem Gesamtsystem lässt sich grundsätzlich nur mit einer zunehmenden Digitalisierung der dezentralen Stromversorgung steigern – daran arbeiten wir aktiv mit! So bieten wir etwa mit PowerHub eine digitale Plattform für den Betrieb und die Steuerung von Wind- und Solarparks. Außerdem haben wir in das schwedische Startup Blixt investiert. Mit der Technik lassen sich alte Zählerkästen in Privathaushalten für ein intelligentes Energiemanagement nutzen. Die BayWa r.e. zählt zu den führenden Unternehmen der Branche und leistet einen Beitrag für den nachhaltig orientierten Aufbau von Infrastruktur bei den Erneuerbaren: Mit unseren ganzheitlichen Konzepten setzen wir uns für die Energiewende so ein, dass die Gesellschaft den Anlagenzubau nicht nur akzeptieren, sondern willkommen heißen kann.

 

Professor Klaus Josef Lutz ist seit Juli 2008 Vorstandsvorsitzender der BayWa. Außerdem hat er den Vorsitz der Führungs- und Aufsichtsgremien der internationalen Agrar- und Obstbeteiligungen inne.

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