Agrartrend
Obstbauern schützen ihre Früchte

Schutz für Äpfel, Birnen und Co.

In vielen Obstbaugebieten gehören sie schon zum Standard: Stellagen, die mit Netzen überspannt sind, um die Kulturen zu schützen. Hagel ist ein Grund für diese Maßnahmen, aber es gibt noch mehr.

Wie für alle Landwirte ist auch für Obstbauern der tägliche Blick auf den Wetterbericht obligatorisch. „Im Frühjahr während der Blüte ist der Frost unser größter Feind“, erklärt Stefan Haas aus Selmnau vom Bodensee. Diese Witterungseinflüsse haben schon vor einigen Jahrzehnten dazu geführt, dass man mechanische Schutzmaßnahmen eingerichtet hat. Ein bewährtes Mittel etwa, um Blüten gegen Frost zu schützen, ist die Frostberegnung. Was wie ein Paradox klingt, basiert tatsächlich auf einem physikalischen Phänomen. Denn beim Gefrieren entsteht Kristallisationswärme, die die empfindlichen Blüten vor Frostschäden bewahrt. „Es ist also nicht der Eispanzer, der die Blüten schützt, wie manchmal fälschlich angenommen wird“, korrigiert Obstbauer Haas. Auch mit Frostkerzen haben die Obstbauern gute Erfahrungen gemacht. Sie lassen sich gut auf Vorrat halten und sind im Ernstfall schnell einsatzbereit. Drohen im Frühling noch Nachtfröste, werden sie einfach in den Fahrgassen platziert und angezündet. Sie sind somit sehr flexibel einsetzbar.

Jazz, Kanzi oder Gala – in den Industrieländern findet man Äpfel das ganze Jahr im Supermarkt. Das liegt zum einen daran, dass in irgendeiner Vegetationszone der Erde immer reife Äpfel am Baum hängen. Zum anderen wurden die Anbaumethoden immer weiter entwickelt, um Obst in ausreichender Menge und Qualität zu produzieren. In Deutschland gab es 2016 knapp 7.200 Obstbaubetriebe, die rund 31.000 Hektar Fläche bewirtschafteten. Führend bei den Anbauflächen ist Baden-Württemberg mit gut 10.000 Hektar, gefolgt von Niedersachsen mit etwa 8.200 Hektar. Schleswig-Holstein und das Saarland bewegen sich am Ende der Skala. Unterm Strich stehen aber alle Obstbauern vor ähnlichen Herausforderungen. Unabhängig von den klimatischen und meteorologischen Bedingungen fordern der Handel und die Kunden gesunde und hochwertige Produkte, die gleichzeitig preislich attraktiv sind. „Das heißt, wir müssen unsere Kulturen entsprechend anlegen, pflegen und vor Witterungseinflüssen schützen“, sagt Stefan Haas. „Ebenso fließen Nachhaltigkeitsaspekte in die Produktion mit ein, um Ressourcen zu schonen.“ Im Einzelnen spielen so viele Faktoren eine Rolle, die sich wechselseitig bedingen, dass die gesamte Branche vor komplexen Fragen steht.

So sind die Folgen des Klimawandels im Obstbau schon deutlich spürbar. Das zeigt sich an der Vegetationsperiode, die sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verlängert hat. Während die Apfelblüte im Schnitt zwei Wochen früher beginnt, ist der Blattfall der Eiche, der als Ende der Vegetationsperiode gilt, weitgehend unverändert. Auch der Winter, der sich aus der Zeit zwischen Blattfall und Haselblüte bestimmt, war vor fünfzig Jahren gut drei Wochen länger. Milder geworden ist die kalte Jahreszeit außerdem noch. Für die Landwirtschaft und damit auch für den Obstbau hat das zwei Konsequenzen: Weniger Winter- und Frosttage bedeuten häufig mehr Schaderreger. Und eine längere Vegetationsperiode heißt auch, dass die Pflanzen länger vor Pilzbefall und ähnlichen Einflüssen geschützt werden müssen. „Gleichzeitig ändern sich aber auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen“, erläutert Dr. Christian Scheer, Leiter des Pflanzenschutzes beim Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee, kurz KOB. „Dazu gehört mittelfristig der Wegfall ganzer Wirkstoffgruppen, erhöhte Rückstands- und Abstandsauflagen sowie reduzierte Aufwandmengen. Um weiterhin Obst produzieren zu können, müssen wir innovative Lösungen entwickeln.“

Hagelnetze sind schon seit gut 30 Jahren in Gebrauch. „Da die Obstbäume zunehmend so gezüchtet und geschnitten wurden, dass sie leicht zu bewirtschaften und vor allem zu ernten waren, entfiel die Baumkrone, die früher eine gewisse Schutzfunktion für die Früchte übernommen hat“, weiß Markus Ursch von der Landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft in Bozen. „Nun sind durch die modernen und schlanken Erziehungssysteme viel mehr Äpfel auf der kleinen Baumoberfläche verteilt und somit ist der Schaden bei einem Hagelschlag relativ gesehen deutlich höher als früher.“ Den Schutz übernehmen heute Netze, die in den vergangenen Jahren immer weiterentwickelt wurden. „Bei den Hochstämmen wäre das technisch kaum machbar gewesen.“
Starkregen ist ebenfalls ein Phänomen des Klimawandels. Die Gefahr, die davon ausgeht, betrifft allerdings weniger die Früchte. Pflanzenschutzmittel, ob synthetisch oder biologisch, werden dadurch von den Blättern abgewaschen und sind damit nicht mehr wirksam. Außerdem wächst mit der hohen Feuchtigkeit die Gefahr, dass sich Pilze oder ähnliche Schädlinge schneller ausbreiten. Netze sind hier wirkungslos. Daher gehen die ersten Obstbauern dazu über, ihre Kulturen mit Folien abzudecken.

Welche Chance und Risiken diese neuen Verfahren beinhalten, soll ein Projekt des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee zeigen. Ziel ist es herauszufinden, wie man den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln messbar reduzieren und zugleich gesunde und rückstandsarme Früchte produzieren kann. Dazu werden die verschiedenen Schutzmaßnahmen einander gegenübergestellt. „Wir haben eine zwei Hektar große Apfelanlage erstellt, die einen Vergleich zwischen den verschiedenen Abdecksystemen ermöglichen wird“, sagt Dr. Christian Scheer. „Ein Teilblock ist mit Hagelschutznetzen überspannt, ein Teilblock mit einer Regenschutzfolie. Für das gesamte Projekt konnte die BayWa als Partner gewonnen werden.“ Auch ein Insektenschutznetz wird getestet. Denn immer häufiger bedrohen nicht nur heimische Schädlinge die Ernte. Neue Arten kommen aus dem Süden Europas oder gar aus Asien zu uns – wie etwa die Kirschessigfliege.

„Ohne Schutz gehen die Obstbauern in die Zufallsproduktion“, meint Stefan Haas. Diesen Standpunkt hört man regelmäßig auch in Kreisen der Obstbauern. Sie müssen ihre Anbaumethoden den veränderten Bedingungen anpassen, sonst ist der Ernteertrag kaum noch zu kalkulieren. „Deshalb stehen wir auch in engem Kontakt mit den Obstbauern der Umgebung. Mit ihrer Erfahrung und unserer Forschung hat der Obstbau sicher eine Zukunft“, erläutert Dr. Christian Scheer. Das Projekt des Kompetenzzentrums wird bestimmt seinen Teil dazu beitragen. Es soll über zehn Jahre laufen. „Bis wir die ersten Ergebnisse veröffentlichen können, wird es aber noch etwas dauern“, so Dr. Christian Scheer: „Wir stehen mit dieser Versuchsanordnung noch am Anfang.“

Der Klimawandel beschränkt sich nicht auf Europa. Auch auf der anderen Seite der Erdkugel ist er spürbar: In Neuseeland, wo es 350 große Apfelbaubetriebe gibt, mehren sich ebenfalls die Anzeichen dafür, dass die Temperaturen dauerhaft steigen. Das schlägt sich in wärmeren Wintern und wärmeren Sommern nieder. Derzeit hat das noch keinen Einfluss auf die Länge des Zeitraums von der Blüte bis zur Ernte. Allerdings gehen immer mehr Farmer auch hier dazu über, ihre Kulturen mit Netzen zu schützen, etwa vor Hagel. Diese Technik ist jedoch noch nicht so weit verbreitet wie in Europa. Ein deutlicher Wandel zeigt sich beim Anbau der Nationalfrucht des Landes, denn wenn es zu warm wird, gedeiht die Kiwi nicht mehr optimal. Deshalb weichen derzeit manche Produzenten auf die gelbe Kiwi aus, die mit diesen Bedingungen besser zurechtkommt. Ähnliche Klimaänderungen betreffen auch Australien und könnten sich auch in anderen Obstanbaugebieten niederschlagen.

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Im Bereich Kulturenschutz bietet die BayWa in ganz Europa professionelle Lösungen für die spezifischen Anforderungen von Obstbauern an. Ob Kern-, Stein- oder Beerenobst, jede Kultur erhält auf Basis der spezifischen Anforderungen eine individuelle Lösung. Auch die Topographie und Exponiertheit der jeweiligen Fläche wird in die Lösung einbezogen. Dabei plant und realisiert die BayWa die jeweiligen Projekte bis hin zur schlüsselfertigen Übergabe. Die Produktpalette beinhaltet viele, teilweise patentierte Eigenlösungen zum Schutz vor Hagel, Frost, Regen, Strahlung und Hitze, Wind und Abdrift sowie vor Vögeln und Insekten.

Darüber hinaus sind Forschungsprojekte wie beispielsweise am Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee ideal, um die mechanischen Schutzmaßnahmen weiterzuentwickeln, damit der Obstbau in der Zukunft noch nachhaltiger werden kann.