Agrartrend
Klimawandel: Wie sich die Agrarwirtschaft darauf einstellt

Klimawandel: Wie sich die Agrarwirtschaft darauf einstellt

Mehr Dürren, mehr Überschwemmungen, ein deutlicher Rückgang der Artenvielfalt bei Pflanzen, Insekten und Wirbeltieren – die Agrarwirtschaft ist im besonderen Maße von den Folgen der Erderwärmung betroffen. Sie ist auch besonders gefordert, Strategien zu entwickeln, wie sie am besten mit den Veränderungen umgeht. Die Probleme sind vielschichtig, einfache Lösungen gibt es nicht, aber bereits viel versprechende Ansätze.

Schon heute wirkt sich die Kombination aus klimatischen Extremwetterereignissen und langfristigen Entwicklungen wie der Temperaturanstieg oder veränderte Niederschlagsmuster auf den Agrarsektor und die weltweite Ernährungssicherheit aus. Sie beeinträchtigen den Anbau von Reis, Weizen und Mais und haben die Ernteerträge in einigen Teilen der Welt bereits sinken lassen. Damit sich dieser Trend bei weiter steigenden Temperaturen nicht verstärkt, sind Anpassungen der Agrarwirtschaft an den Klimawandel gefragt. Dazu gibt es bereits zahlreiche Lösungsansätze.

Die Herausforderung umreißt Prof. Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender der BayWa AG und Ressortverantwortlicher für den Bereich Corporate Sustainability: „Nur durch den globalen Warenhandel ist es möglich, dass es im Sommer 2018 bei der Dürre und den Ernteausfällen keine Hungersnot in Mitteleuropa gab, das wäre vor 200 Jahren sicherlich so gekommen. Nun ist aber der Klimawandel ein globales Phänomen – das heißt, wenn sich überall das Wetter so verändert, dass Missernten häufiger werden, können wir unsere Probleme nicht mehr einfach durch verstärkten Import lösen. Was passiert dann? Die Probleme sind komplex, und wir sind gut beraten, diese Komplexität ernst zu nehmen und zu differenzieren, statt nach einfachen Lösungen zu suchen.“

In Deutschland etwa reicht die Palette der Lösungen von neuen Kulturarten und angepassten Sorten über Versicherungen bis hin zu innovativer Technik. Aber auch global gesehen passt sich die Landwirtschaft an die veränderten Bedingungen an. Das ist insbesondere in den Entwicklungsländern eine große Herausforderung, da dort die klimabedingten Risiken am größten sind und sie zugleich über die geringsten finanziellen Ressourcen verfügen. Einen allgemeingültigen Ansatz gibt es deshalb nicht – die Anpassungsstrategien hängen vielmehr von Region, Sektor und jeweiliger Situation ab. Prof. Klaus Josef Lutz: „Die Anpassung an den Klimawandel erfordert eine genaue Analyse. Wir arbeiten hier etwa mit dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung zusammen und stellen alles auf den Prüfstand. Unsere Erkenntnisse teilen wir mit unseren Kunden, Partnern und sonstigen Stakeholdern. Denn wir sind auch hier darauf angewiesen, dass wir alle an einem Strang ziehen. Wir werden unsere Klimastrategie dafür nutzen, uns proaktiv auf die ökonomischen und ökologischen Folgen des Klimawandels vorzubereiten und die Klimaresilienz der BayWa, ihrer Kunden und Partner, aber auch der Gesellschaft insgesamt zu steigern.“

Der Weltklimarat definiert Anpassung an den Klimawandel als „Prozess der Ausrichtung auf das tatsächliche oder erwartete Klima und dessen Auswirkungen. In Systemen des Menschen ist Anpassung darauf ausgerichtet, Schäden zu vermindern oder zu vermeiden, oder vorteilhafte Möglichkeiten zu nutzen. In einigen natürlichen Systemen kann die Anpassung an das erwartete Klima und dessen Auswirkungen durch Eingreifen des Menschen ermöglicht werden.“

In der Agrarwirtschaft ist die Bandbreite der Anpassungsmöglichkeit groß (s. auch Interview „Alle Wetter“ und Artikel „Schutz für Äpfel und Birnen“) und reicht von verbesserten Fruchtfolgen über flexibles Wassermanagement bis hin zur Züchtung neuer hitzeresistenter Kulturpflanzen – alles Bereiche, in denen sich die BayWa und ihre Kunden bereits engagieren und Vorzeigeprojekte weltweit vorantreiben. Zum Beispiel in Spanien. Dort hat eine Initiative aus spanischen Obstbauern und internationalen Wissenschaftlern in einem weltweiten Zuchtprogramm neue hitzetolerante Apfel- und Birnensorten gezüchtet, die die BayWa-Beteiligungsgesellschaft T&G Global aus Neuseeland ab sofort vertreibt. Sie sollen den wärmer werdenden Temperaturen trotzen, die zahlreichen früheren Fruchtsorten erheblich zusetzen und zu schlechterer Qualität und Ernteausfällen führen. Auch bei anderen Kulturpflanzen bietet die Zucht neuer hitzeresistenter Sorten einen erfolgversprechenden Ansatz.

Eine technische Antwort auf die zunehmende Trockenheit und Dürre in vielen Regionen weltweit (s. auch Artikel „Der stete Tropfen ernährt die Welt“) liefert zum Beispiel die ressourcenschonende Bewässerungsanlage „Variable Rain“, die seit Ende 2018 auf dem Markt ist und zuvor erfolgreich den ausgiebigen Testlauf auf den Mubuyu Farms im afrikanischen Sambia bestand. Mittels Satelliten- und Wetterdaten berechnet das innovative System den Wasserbedarf von Nutzpflanzen automatisch. Das Ergebnis des Pilotprojekts kann sich sehen lassen: Die Farmer in Sambia verbrauchten 30 Prozent weniger Wasser und Energie, zugleich steigerten sie den Getreideertrag um bis zu 25 Prozent.

Keine Frage: Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und betrifft die Agrarwirtschaft im besonderen Maße – und damit auch die Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung. Projektionen aus dem 5. Sachstandbericht des Weltklimarats zufolge verursacht der Klimawandel in Zukunft stärker schwankende Preise bei landwirtschaftlichen Grunderzeugnissen und führt zu einer minderen Qualität. „Die Volatilität unserer Märkte nimmt klimabedingt immer weiter zu. Darauf müssen wir uns einstellen und nicht nur reagieren, sondern agieren“, prognostiziert auch Prof. Klaus Josef Lutz.

Gelingt es, den Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu begrenzen, lassen sich vielerorts die Folgen der Erderwärmung durch Anpassungsstrategien der Landwirte abmildern oder gar ausgleichen. Auch die Branche kann dazu beitragen, die Treibhausgasemissionen zu verringern. Darauf hat der Verbraucher Einfluss, wie der IPCC festhält. Denn ein Studienergebnis lautet, dass ein verändertes Verbraucherverhalten die landwirtschaftlichen Emissionen deutlich stärker senken könnte als technische Maßnahmen. Etwa wenn weniger Lebensmittel weggeworfen würden, emissionsintensive Lebensmittel tierischen Ursprungs (wie Fleisch oder Milchprodukte) stärker durch pflanzliche Produkte ersetzt würden und in Regionen mit übermäßigem Konsum weniger verbraucht würde.

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Klimastrategie der BayWa

2018 hat die BayWa ihre Nachhaltigkeitsstrategie um eine Klimastrategie ergänzt. Das Kernziel: bis 2025 die Treibhausgasemissionen in den zentralen Bereichen Energie und Mobilität um 22 Prozent zu senken – und das im Vergleich zu 2017. Damit leistet das Unternehmen einen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad, die ambitionierte Zielsetzung des Weltklimarats. Wie das gelingen soll, zeigt das Video.

Innovationsmotor Klimaschutz

Der Klimaschutz wirkt sich positiv auf wirtschaftliches Wachstum, Beschäftigung und Innovationen aus. Das bestätigen mehrere internationale Studien. Allein in Deutschland gab es 2017 rund 1,5 Millionen Klimaschutzbeschäftige. Und die Patentanmeldungen sind hierzulande seit 1991 mehr als doppelt so schnell gewachsen wie die Patentanmeldungen insgesamt.