Agrartrend
Im Fokus
Eislandschaft

Die Saat im ewigen Eis

In kleinen Mengen werden Samen an zum Teil sehr ungewöhnlichen Orten gelagert. Warum erklärt DR. MICHAEL KOCH, Finanzdirektor des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt. Die internationale Organisation bewahrt und erweitert die Vielfalt des Saatguts.

Es gibt rund zwei Millionen Arten an Nahrungsmittelpflanzen. Doch allein in den vergangenen 50 bis 100 Jahren sind 80 bis 90 Prozent an der Pflanzenvielfalt verloren gegangen.

Mit Biodiversität sichern wir die Nahrungssicherheit und Lebensmittelvielfalt für die Zukunft. Das ist aus zwei Gründen entscheidend. Zum einen wird die Weltbevölkerung bis 2050 um über zwei Milliarden auf circa 9,5 Milliarden Menschen anwachsen. Wir brauchen also mehr Nahrungsmittel. Außerdem steigen auch Menschen in Ländern mit unterem und mittlerem Einkommensniveau verstärkt von vegetarischer auf tierische Ernährung um. Damit benötigen wir viel mehr Futtermittel. Bis 2050 müssen nach derzeitigen Schätzungen mindestens 
50 Prozent mehr Weltnahrungsmittel produziert werden. Zum Zweiten leiden Pflanzen unter dem Klimawandel mit Temperaturschwankungen, Trockenheit und Stürmen. Bei einem Grad Celsius mehr rechnet man mit zwei Prozent weniger Produktivität einer Pflanzenart pro Dekade.
Gibt es Pflanzen, die besonders empfindlich sind?
Ja, das Weltnahrungsmittel Reis zum Beispiel. Von ihm leben immerhin 3,5 Milliarden Menschen. Steigen die Temperaturen um ein Grad Celsius, erntet man auf zehn Jahre gerechnet durchschnittlich fünf bis zehn Prozent weniger Reis.

Durch Kreuzungen verschiedener Arten werden Pflanzen wie Reis resistenter gegen den Klimawandel und Krankheiten und damit produktiver. Im International Rice Research Institute auf den Philippinen, einem der elf Forschungszentren für Pflanzen weltweit, werden beispielsweise neue Reisarten durch traditionelles Kreuzen ohne Genmanipulation hergestellt. So können wir Reis entwickeln, der zwei Wochen komplett von Salzwasser überflutet sein kann und anschließend eine Trockenperiode übersteht. In Bangladesch sind viele Reisanbaugebiete von steigenden Meeresspiegeln bedroht.

2004 wurden im Internationalen Vertrag über Pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft 64 Arten als sogenannte „Prioritätssaatgüter“ festgelegt. Daraus hat der Crop Trust 25 Arten ausgesucht, die essenziell für die Nahrungssicherung in den ärmsten Ländern sind. Dazu gehören etwa Reis, Maniok, Mais, Kartoffeln, Weizen, Gerste, Hirse, Bohnen, Äpfel und Linsen.

Das Saatgut für diese Pflanzen wird in kleiner Zahl – beispielsweise 100 Reiskörnern pro Art – in Saatgutbanken bei -18 Grad Celsius aufbewahrt; finanziert durch den Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt. Die Pflanzen werden in den Forschungszentren weiterentwickelt. So ist Rohmaterial in größtmöglicher Vielfalt verfügbar. Der Zugriff auf das Saatgut ist für Forscher und Bauern, die die Pflanzen kreuzen und neue Arten entwickeln, kostenlos. Saatgutfirmen multiplizieren dann die Samen. So lässt sich eine neue Art in großen Mengen anpflanzen.

Regelmäßig wird es ausgesät und auf diese Weise weiter gezüchtet. Um eine möglichst große Artenvielfalt zu bewahren, suchen wir wilde Verwandte der jeweiligen Arten und frieren auch diese ein. Denn was wie wilder Reis, wilder Hafer oder wilder Weizen oftmals nach Unkraut aussieht, birgt wertvolle Vielfalt. Doch wenn eine Art erst einmal ausgestorben ist, ist sie verloren. Die kann man auch mit keinem 3-D-Printer zurückholen.

Im Saatgut-Tresor in Nordnorwegen kann jeder Saatgut einlagern und ist dafür selbst verantwortlich. So liegt im ewigen Eis immer noch eine Sicherungskopie des Materials.

Dieser Vorgang dauert etwa zehn bis 15 Jahre – mit Hunderten von Versuchen. Die Pflanzen müssen drei bis sechs Monate wachsen und werden immer wieder gekreuzt. Ein neues Verfahren könnte diesen Vorgang beschleunigen. Dafür wird die DNA im Sequencing, einer analytischen Entschlüsselung der DNA, weltweit erfasst. In diesem Projekt steckt viel Technik und Forschungsarbeit, das macht es teuer und aufwendig. Deswegen rechnen wir erst in fünf Jahren mit belastbaren Ergebnissen. Doch dann kennen die Forscher die Qualitäten einer neuen Pflanzenart durch die Analyse. Das beschleunigt die Züchtung neuer verbesserter Pflanzen auf nur noch drei bis fünf Jahre. So können wir die Saatgutvielfalt noch schneller weiterentwickeln.

Download PDF
Derzeit liegen noch nicht genügend Bewertungen vor.
Bewertung abgeben
Dr. Michael Koch

Dr. Michael Koch

Dr. Michael Koch arbeitet seit Oktober 2013 für den Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt und ist seit Februar 2014 Finanzdirektor der Organisation. Michael Koch entwickelte mehr als 20 Jahre Projekte in den Bereichen Landwirtschaft und Finanzierung für Osteuropa und Nordafrika bei der World Bank in Washington. Weitere Stationen waren Commerzbank Securities, Deutsche Bank, Daimler Benz und McKinsey.

Internationale Organisation „Global Crop Diversity Trust“

Der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt (engl.: Global Crop Diversity Trust) mit Sitz in Bonn wurde 2005 als Gemeinschaftsunternehmen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und der Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) als internationale Organisation gegründet. Er hat durch Fundraising bei zahlreichen Staaten, Organisationen und Unternehmen bereits etwa 170 Millionen US-Dollar für seine Ziele aufgebracht.

www.croptrust.org

Ihr Meinung ist gefragt!

Ist Blockchain die Zukunft der Landwirtschaft?

Ja Nein