Agrartrend
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Kühe

Daten aus dem Kuhmagen

Die richtige Futtermischung ist ein wichtiger Faktor für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Milchkühen. Dr. Johann Gasteiner erklärt, welche Aufgaben dabei ein Sensor im Rindermagen übernehmen kann.

Eine der großen Herausforderungen im Bereich der Fütterung von Milchkühen liegt im rasant steigenden Leistungspotenzial der Tiere und dem damit verbundenen erhöhten Nährstoffbedarf. Da die Futteraufnahme von Kühen mengenmäßig begrenzt ist, wird versucht, die Nährstoffkonzentration, insbesondere an Energie und Eiweiß, im Futter zu erhöhen oder auch die Verdaulichkeit einzelner Komponenten zu verbessern. Dennoch stoßen hochleistende Milchkühe rasch an ihre Stoffwechselgrenzen. Sehr eng damit verbunden ist natürlich die Frage nach dem Tierwohl bei der Zucht und Fütterung von Milchkühen. Die Verbesserung des Tierwohls sowie Möglichkeiten und Parameter, um Tierwohl festzustellen, stehen im Fokus der Wissenschaft und werden auch gesellschaftlich diskutiert.

Futtermittelzusatzstoffe sind ebenfalls ein wichtiges Thema für die Forschung. Neben Zusatzstoffen mit Wirkung auf den Stoffwechsel werden auch zunehmend Fütterungsstrategien und Zusatzstoffe beforscht, die eine Emissionsreduktion von Methan und Ammoniak versprechen.

Neben der Intensivierung der Milchproduktion gibt es aber auch einen starken Trend hin zur biologischen Produktionsweise, oft verbunden mit einer Extensivierung, und zu einer ressourcenschonenderen Produktion. Hier sind wieder komplett andere Ansätze in der Fütterung nötig, aber auch in der Züchtung.

Das Futter muss in Menge, Zusammensetzung aus Grundfutter und Kraftfutter sowie der Art und Weise, wie es zu den Kühen kommt, dem Bedarf der Tiere entsprechen. Ansonsten werden die Kühe krank. Milchkühe können nämlich von zu viel Kraftfutter genauso erkranken wie durch zu wenig. Deshalb sind das Leistungsniveau, das Fütterungsmanagement sowie die Haltung unbedingt aufeinander abzustimmen.

Der Anteil der Wiederkäuer am Ausstoß klimarelevanter Gase liegt bei weniger als vier Prozent – diese Angaben schwanken in der Literatur. Auch sollte man berücksichtigen, dass die Futterflächen der Tiere, insbesondere das Grünland, Kohlendioxid in ­Sauerstoff umwandeln. Die Bilanz der rinderhaltenden Landwirtschaft ist also eindeutig positiv.

Der ph-Wert im Pansen, also dem Magen der Kuh, steigt oder fällt abhängig von der Kraftfuttermenge. Der Grat zwischen zu wenig und zu viel an Kraftfutter wird mit zunehmender Leistung der Milchkuh immer schmaler. Deshalb ist das optimale Futtermanagement sehr wichtig. Dabei hilft die Kenntnis des ph-Werts. Wir haben gemeinsam mit einer Firma aus Graz in Österreich intensiv an einer technischen Lösung, dem Pansen-Sensor, gearbeitet. Mit diesem Sensor, der vom Tier verschluckt wird und – vom Tier unbemerkt – permanent im Magensystem liegenbleibt, werden in zehnminütigen Intervallen pH-Wert, Temperatur und auch die Aktivität gemessen. Diese Daten werden über eine Basis-Station auf einen Server verschickt, und der Tierhalter kann über das Internet sofort darauf zugreifen. Mittlerweile gibt es auch eine Handy-App, die einen Alarm sendet, wenn spezifische Parameter überschritten werden. Kennt man die Pansentemperatur, die sehr eng mit der inneren Körpertemperatur zusammenhängt, ist das in der Praxis ebenfalls hilfreich: Mit ihr lassen sich Trinkmenge, der Zeitpunkt der Geburt eines Kalbs sowie der Gesundheitszustand ermitteln. Damit leistet der Pansen-Sensor nicht nur einen entscheidenden Beitrag zum Tierwohl, sondern hat sich auch zum derzeit modernsten Herdenmanagement-Tool weltweit entwickelt.

Es sind nunmehr über acht Jahre, in denen wir mit dem System arbeiten und Erfahrungen sammeln konnten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Tiere mit einem Pansen-Sensor keinerlei Nebenwirkungen zeigen. Im Vormagensystem eines Rinds ist übrigens Platz für 150 bis 180 Liter Inhalt. Nach meiner Erfahrung bemerken die Tiere gar nicht, dass sie einen Sensor im Magen haben.

Sensoren laufen mittlerweile nicht nur in Europa, sondern in vielen Betrieben Asiens und auch in den USA. Mehrere tausend Sensoren waren bereits erfolgreich im Einsatz. Ursprünglich war der Sensor für die Wissenschaft konzipiert. Denn zahlreiche Forschungseinrichtungen und Universitäten beschäftigen sich mit dem, was im Rindermagen vor sich geht. Sehr rasch haben dann aber vor allem Großbetriebe die Vorzüge des Sensors erkannt. Mit der Erweiterung des Angebots, die Temperatur und der Aktivität zu messen, ist dieses System nun für Betriebe aller Größen interessant. Die Laufzeit des Sensors beträgt übrigens mindestens vier Jahre. Danach verbleibt er problemlos im Kuhmagen.

Ich glaube, dass man Strategien zur Beantwortung dieser Frage – Stichwort Nachhaltigkeitsdebatte – nur auf der Basis der Ökonomie bewerten und regional umsetzen kann. Die einzige Kraft, die definiert, wie sich diese Frage entwickelt, ist der Agrarmarkt. Auf dem Weltmarkt sind im Agrarsektor nur die angebotenen Mengen landwirtschaftlicher Produkte, die Nachfrage und folglich die Preise relevant. Wer viel und billig produziert, bestimmt hauptsächlich den Preis. Riesige Agrar-Flächen, der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen, Großbetriebe mit mehr als 10.000 Milchkühen stehen Milchproduktionen mit kleinen Besitzstrukturen wie zum Beispiel der österreichischen mit durchschnittlich 16 Kühen pro Betrieb gegenüber. Für diese kleinen Betriebe kann das nur heißen, dass sie sich auf Markenprogramme, auf mehr Regionalität und natürlich auf die biologische Produktion spezialisieren müssen. Nur so ist noch eine Wertschöpfung möglich.

In der Tierfütterung wird der Einsatz von industriellen Nebenprodukten an Bedeutung gewinnen. Für den Milchproduzenten gilt es meiner Meinung nach, sich so weit wie möglich unabhängig zu machen. Das, was auf seinen eigenen Feldern wächst, muss die Basis seiner veredelten Produkte sein. Die Betriebe werden hinsichtlich der Tierzahlen immer größer. Aber gerade in der Milchproduktion hat man erkannt, dass nur optimale Haltungsbedingungen und bestes Management einen Betriebserfolg ermöglichen. Ein hoher Kuhkomfort ist somit kein bloßes Schlagwort mehr. Gleichzeitig werden es immer weniger Personen sein, die im Betrieb arbeiten. Somit wird der vermehrte Einsatz von Technik und Elektronik zur Bewältigung des Herdenmanagements sowie zur Erhaltung und Überwachung der Tiergesundheit immer häufiger – etwa mit Precision Livestock Farming. Parallel zu dieser Entwicklung werden sich aber auch „ökologische Inseln“ bilden, die sich durch verstärktes Umweltbewusstsein und mit höherer Qualität von der Masse abheben wollen.

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Dr. Johann Gasteiner

Zur Person

Dr. Johann Gasteiner leitet das Institut für Artgemäße Tierhaltung und Tiergesundheit der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein in Irdning, Österreich. Er ist Diplomate des European College of Bovine Health Management (ECBHM). Als Wissenschaftler beschäftigt sich Dr. Johann Gasteiner mit Forschungsfragen und Projekten zur Haltung und Gesundheit von landwirtschaftlichen Nutztieren. Als Tierarzt betreut er unter anderem die Tierbestände der Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein.

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