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Afrikas Landwirtschaft ist im Umbruch: Effiziente Agrartechnik, neue Handy-Apps und entsprechende Weiterbildungen erleichtern den Kleinbauern die Arbeit und steigern ihre Erträge.

Für Charles Mbola, Eliah Kaoma und Moses Katongo eine ganz neue Erfahrung: Sie prüfen den Ölstand bei einem Schlepper. Bislang haben die drei Kleinbauern ihre Felder mit der Hand bewirtschaftet. Heute stehen sie auf einem Maisacker nahe Lusaka, Sambia, neben einem roten Kleintraktor von Massey Ferguson. Bedächtig zieht Moses Katongo den Stab aus dem Füllstutzen und liest den Ölstand ab. Ein Ingenieur des Landmaschinenherstellers AGCO erklärt dem Trio, wie man Öl nachfüllt oder den Grubber einstellt. „Mit dem Schlepper ernte ich mehr als das Dreifache“, sagt Moses Katongo. „Außerdem ist die Saat in ein paar Stunden erledigt. Mit der Hand brauche ich mehrere Tage.“

Das Maisfeld gehört zur 2015 eröffneten AGCO Future Farm, an der sich auch die BayWa r.e. mit einer kleinen Photovoltaik-Anlage beteiligt hat. Hier lernen Kleinbauern aus dem südlichen Afrika, wie man moderne Landmaschinen bedient, pflegt und wartet. Auf 50 x 50 Meter großen Demofeldern säen und ernten sie Mais, Soja, Erdnüsse und Maniok. Auch ein Schulungszentrum gibt es auf dem Gelände. Auf dem Lehrplan steht unter anderem, wie man Böden nachhaltiger bewirtschaftet, Nachernteverluste vermeidet oder Fruchtfolgen beim Anbau berücksichtigt.
Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten: Um die Felder zu bewirtschaften, hat AGCO 40 Arbeiter eingestellt. Außerdem rief das Unternehmen in einem Schulgarten-Projekt einen Anbauwettbewerb für Kinder ins Leben, um sie für die Landwirtschaft zu begeistern. Sie alle geben ihr neu erworbenes Wissen in der Gemeinde weiter. Der Landtechnikkonzern wiederum verkauft vor Ort mehr Maschinen, hilft Farmern damit, ihre Erträge zu steigern und kurbelt die lokale Wirtschaft an.
So wie AGCO haben auch andere Unternehmen das Wirtschaftspotenzial Afrikas erkannt und begleiten den technologischen Wandel. Der Kontinent boomt: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf hat sich seit der Jahrtausendwende verfünffacht. Für 2015 prognostiziert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen BIP-Anstieg von 4,5 Prozent, 2016 sogar von fünf Prozent. Mit Äthiopien, dem Kongo, Ghana, Mosambik und Ruanda liegen fünf der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften inzwischen in Afrika. Die OECD, die Amerikanische Entwicklungsbank und das UN-Entwicklungsprogramm UNDP beobachten, dass in urbanen Ballungsräumen eine neue Mittelschicht heranwächst, die auch die steigende Binnennachfrage mitträgt. Während die Verbraucher 2008 noch geschätzte 680 Milliarden US-Dollar ausgaben, ist 2030 bereits mit 2,2 Billionen US-Dollar zu rechnen.

Marktstände in Afrika

„Afrika ist nicht mehr das Armenhaus der Welt, sondern im Umbruch. Die Wirtschaft in vielen Ländern brummt“, sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Er plädiert für eine neue Sicht auf unseren Nachbarkontinent – jenseits des Klischees eines nur von Hunger und Armut geplagten Kontinents. Afrika, das sind 54 Länder mit erheblichen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Unterschieden. In vielen Ländern südlich der Sahara wächst die Wirtschaft. Vorreiter-Staaten wie Ghana oder Äthiopien profitieren von ausländischen Direktinvestitionen, Wirtschaftsreformen und dem steigenden Konsum der Mittelschicht. Auch an motivierten, jungen Arbeitskräften mangelt es nicht: 41 Prozent der Afrikaner sind jünger als 15 Jahre. 2040 wird jeder fünfte Jugendliche auf der Welt in Afrika leben.

Besonders groß ist das Wirtschaftspotenzial in der Landwirtschaft. 60 Prozent der weltweit verfügbaren, noch ungenutzten Ackerflächen liegen in Afrika. Bislang werden nur 15 Prozent der möglichen Agrarflächen bewirtschaftet, ein Großteil liegt brach. Dabei sind die Böden in vielen Ländern gut und wegen des milden Klimas zwei Ernten pro Jahr möglich. Doch die meisten der rund 700 Millionen afrikanischen Farmer sind Subsistenzbauern: Sie produzieren hauptsächlich für den Eigenbedarf. Ihnen fehlen in der Regel moderne Landmaschinen, hochwertige Saatgutsorten und geeignete Düngemittel, um ihre Felder nachhaltig und effizient zu bewirtschaften. Sie bearbeiten kleine Parzellen bis zu zwei Hektar und ziehen weiter, wenn das Land nach zwei bis drei Jahren erschöpft ist. Trotz seines enormen landwirtschaftlichen Potenzials ist Afrika auf Importe angewiesen. Pro Jahr importiert der Kontinent 30 Millionen Tonnen Getreide, Reis und Mais. Die Güterpreise liegen wegen der Transportkosten schon heute bis zu 75 Prozent über den europäischen Preisen. Um sich selbst zu ernähren, benötige Afrika das Know-how der Industrieländer, sagt Shenggen Fan, Leiter des Internationalen Forschungsinstituts für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI): „Industrieländer – auch die europäischen – können die Umgestaltung der afrikanischen Landwirtschaft erleichtern, vor allem durch Technologietransfer. Dieser kann die landwirtschaftliche Produktivität dauerhaft erhöhen, den Bauern einen besseren Marktzugang verschaffen und wichtige regionale und Regionen übergreifende Lernprozesse anstoßen.“
In zehn afrikanischen Ländern ist der landwirtschaftliche Wandel bereits in vollem Gange: In Sambia, Mosambik, Tansania, Uganda, Äthiopien, Ruanda, Ghana, Nigeria, Mali und Burkina Faso stiegen zuletzt Produktion und Hektarerträge.

Die Digitalisierung des Kontinents verspricht ebenfalls eine positive Entwicklung. Nirgends auf der Welt wächst der Markt für Mobiltelefone, Tablets und Laptops so schnell. Mehr als die Hälfte der rund 1,1 Milliarden Afrikaner besitzen inzwischen ein Handy. Meist sind es einfache Geräte mit Tastatur und kleinem Bildschirm, aber sie haben den Alltag von Grund auf verändert: Die Menschen haben immer den aktuellen Wetterbericht dabei, sie zahlen oder überweisen anderen damit Geld. SMS-Dienste können an vielen Orten die oftmals unzureichende Informations-Infrastruktur kompensieren – auch in der Landwirtschaft.
Selbst Bauern, die im kenianischen Hochland fern der großen Städte einen Kuhstall betreiben, können Tipps zur Viehhaltung per App oder SMS erhalten und sich Know-how  aneignen. Diese Dienste schicken Empfehlungen von Tierärzten aufs Handy; zum Beispiel dazu, wann man seine Kühe impft oder wie man sie am besten füttert. Voraussetzung: Die Nutzer registrieren die individuellen Daten ihrer Kühe. Zehntausende Milchbauern nutzen solche Systeme.
Dies ist aber nur ein Beispiel. Etliche Handy- und Online-Dienste erleichtern afrikanischen Bauern die Arbeit. Zum Beispiel empfangen sie per App Preise für Bohnen, Bananen oder Süßkartoffeln, damit Zwischenhändler sie nicht mehr übervorteilen können. Wetterdienste warnen Farmer vor Stürmen, Dürren oder Regengüssen. Andere Dienste vernetzen Landwirte, damit sie ihre Erzeugnisse bündeln und sich die Gewinne teilen können, sobald ein Käufer gefunden ist.
Selbst Lasttiere könnten bald durch Digitaltechnik ersetzt werden: Jonathan Ledgard, Leiter des Afrotech-Labs an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), will in Afrika künftig Drohnen bis zu 60 Kilo Last transportieren lassen, etwa verderbliche Waren, Ersatzteile oder auch Medikamente. Dafür setzt er sich ein: Mit einem Technikwettbewerb und Drohnenflughäfen (siehe Info-Kasten).
Bislang schleppen meist Esel die Güter. Bauern können ihre Ernte daher oft nur im eigenen Dorf verkaufen. Was sie dort nicht loswerden, verfault. „Der Lastesel muss fliegen lernen“, fordert Ledgard. Langfristig will er selbst Dörfer mit Drohnen erreichen, in die wegen der vielen Schlaglochpisten bisher nicht mal LKW vordringen. Die Idee, hofft der Forscher, könnte den Güterhandel zum Abheben bringen.

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Die BayWa – Aktiv in Afrika

Die BayWa AG und Barloworld Limited aus Johannesburg (Südafrika) haben ein Joint Venture für ein gemeinsames Landtechnikgeschäft in Subsahara-Afrika gegründet. Die erste Vertriebsgesellschaft des Joint Ventures startete Ende 2015 ihren Betrieb in Lusaka, Sambia. Eine Ausweitung der Präsenz in Sambia und in Subsahara-Afrika ist geplant. Neben Landtechnik bietet das Unternehmen vor allem Dienstleistungen wie Ersatzteil-, Wartungs- und mobile Reparaturservices an. Und um auch kleine und mittelständische Betriebe auf mechanische Abläufe umzustellen, werden Kooperationen und Projekte initiiert. Wichtig ist außerdem die Ausbildung, etwa junger Mechaniker. Hier arbeitet die BayWa eng mit Modellfarmen zusammen, beispielsweise mit der AGCO Future Farm in der Nähe von Lusaka und mit dem Agriculture Knowledge & Training Center, nördlich der sambischen Hauptstadt.

„Afrika ist nicht mehr das Armenhaus der Welt, sondern im Umbruch. Die Wirtschaft in vielen Ländern brummt.“
Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft
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landwirtschaftliche Zugmaschinen kommen in Afrika durchschnittlich auf 1.000 Hektar Land. Dem stehen in Bangladesch, Brasilien, China, Indien, Südkorea, Pakistan, auf den Philippinen, in Thailand und Vietnam 241 Schlepper pro 1.000 Hektar im Gesamtdurchschnitt gegenüber.

Kostbare Fracht im Anflug

Lastdrohnen über der Steppe – was klingt wie Science-Fiction, könnte bald Realität werden. Jonathan Ledgard, Leiter des Afrotech-Labs an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) arbeitet daran, diese Idee in die Realität umzusetzen. Er hat den Technikwettbewerb „Flying Donkey Challenge“ mitbegründet, bei dem Designer, Logistiker und Robotik-Experten energiesparende Transportdrohnen entwickeln. Außerdem leitet er mit dem Architekten Sir Norman Foster die Red Line Droneport Initiative: Sie planen ein Netz von Drohnenflughäfen in Afrika.

afrotech.epfl.ch

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